Klaus J. Beckmann

Geschäftsführer, Deutsches Institut für Urbanistik

Die Welt steht global vor einem Jahrhundert der Städte. Dies bedeutet große Chancen, aber auch grundlegende Anforderungen. Die Städte wachsen global – eher stetig und gedämpft auf der Nordhalbkugel, dynamisch und schwierig steuerbar auf der Südhalbkugel. Die Alterungsprozesse erfolgen – wenn auch in unterschiedlichen Ausprägungen – ebenso weltweit wie der Wandel von Lebensweisen und Lebensstilen. In den Städten müssen Anforderungen des Klimaschutzes und Aufgaben der Anpassung an den Klimawandel ebenso umgesetzt werden wie die weltweit unabweisbare Energiewende.

Zur Bewältigung dieser Aufgaben müssen sich Städte „neu aufstellen". Um Zukunftsfähigkeit, d.h. Effizienz und Widerstands- sowie Anpassungsfähigkeit („Resilienz"), auf Dauer zu sichern, müssen technische, bauliche, infrastrukturelle, soziale und ökonomische Strukturen angepasst, aber auch Zuständigkeiten, Organisationsformen und Prozesse strukturell verändert werden. Ziel ist eine integrierte Gestaltung und Abwägung von sozialen, ökonomischen und ökologischen, aber auch (bau-)kulturellen Belangen sowie der Erfordernisse einer Sicherung der physischen und psychisch-emotionalen Gesundheit der Menschen, vor allem auch der Lebensmöglichkeiten zukünftiger Generationen.

Dabei werden dezentrale bzw. semizentrale Organisationsformen, Netze und Leistungserbringungen zentrale Systeme vermehrt ablösen. Dies gilt für den Bereich der Energieversorgung mit regenerativer Energieerzeugung, Verteilnetzen und Speichersystemen – bis hin zu „smart grids", z.B. vehicle-to-grid Systemen unter Einbindung von Batterien der Elektrofahrzeuge -, aber auch der Wärmeversorgung, der Wasserversorgung, der Schmutz- und Regenwasserentwässerung, der leistungsfähigen Telekommunikation („Breitbandnetze"). Dabei gewinnen Vernetzungen der sektoralen Infrastruktursysteme an Bedeutung – z.B. die Wärmegewinnung aus häuslichen und gewerblichen Abwassersystemen, die Stromerzeugung aus den Fließenergien des Abwassers. Auch Organisations- und Trägerformen werden sich verändern, wie genossenschaftliche Organisationsformen für neue Wohnformen, für Energieerzeugung und –verteilung, für dezentrale Lebensmittelversorgung und Mobilitätsdienstleistungen ebenso zeigen wie die zivilgesellschaftliche Unterstützung und Betreuung von hilfebedürftigen Menschen im Haushalt, im Lebensalltag, zur gesundheitlichen Pflege und zur sozialen Einbindung. Soziale Netzwerke, Bürgerstiftungen u.ä. sind Ausdruck dieser Leistungserbringung wie auch der Leistungsbereitschaft zur Ergänzung oder zum Ersatz staatlicher Transferleistungen wie auch marktwirtschaftlicher Leistungserbringung. Neue Mobilitätsformen mit Intermodalität und Multimodalität, mit einer Verstärkung der Benutzung von Fahrzeugen (Car-Sharing, Fahrzeugteilen, standortungebundene Leihsysteme wie „car2go") statt Besitz von Fahrzeugen sind zunehmend dezentral und vernetzt organisiert, Leistungsangebote zum Teil zivilgesellschaftlich getragen.

Vernetzung, rückgekoppelte Systeme, vermaschte Systeme, dezentrale Verantwortung und gesamtheitliche Steuerung usw. haben zur Voraussetzung, dass Zustände erhoben und mit Zielwerten verglichen werden, dass Systemeingriffe (Handlungskonzepte bzw. Einzelmaßnahmen) konzipiert, evtl. mit Hilfe von Simulationen untersucht und bewertet werden, dass die Umsetzung begleitet wird („Prozessevaluation") und Wirkungen beobachtet und geprüft werden („Wirkungsevaluation"). Dies setzt die Existenz und Verfügbarkeit über leistungsfähige Informations- und Kommunikationssysteme (Breitbandkabel, Funkverbindungen sowie intelligente Endgeräte) zur Beobachtung, Lenkung, Steuerung und Kommunikation voraus. Die angestrebte Selbstständigkeit von Menschen auch im hohen Alter – mit Verbleib in der eigenen Wohnung – setzt beispielsweise entsprechende Beobachtungssysteme für den Gesundheitszustand, für den Betriebszustand technischer Geräte, für Wohnraumklima etc. ebenso voraus wie Kommunikationssysteme zur sozialen Kontaktaufnahme (Telefon, Video usw.) oder zum Bestellen von Leistungen und Diensten (Lebensmittel, Reinigung, Haushaltshilfe oder Mobilität).

Nachhaltigkeit setzt gleichermaßen Effizienzsteigerung bei der Erstellung von Leistungsangeboten und beim Energieeinsatz wie Suffizienz der quantitativen und qualitativen Ansprüche voraus und ist damit unabweisbar verbunden mit menschlicher und technischer Intelligenz. Das am 12. Oktober verabschiedete Memorandum „Städtische Energien/Urban Energies" – setzt auf urbane Energien und Kräfte, auf Städte und Regionen als Orte der Erzeugung, Speicherung und intelligenten Nutzung von regenerativen Energien, als Orte der sozialen und kulturellen Energien. Notwendige „Bindeglieder" sind technische und soziale Intelligenz, direkte und gerätegestützte Kommunikation.

Dieser Weg der Städte in die Zukunft setzt gleichermaßen „Klugheit" der Menschen und Politiker voraus wie auch leistungsfähige Verwaltungen – mit ausreichender quantitativer und kompetenter Ressourcenausstattung (Finanzen, Personal).